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Führung Hexenwegle

Führung mit Herrn Scheck
Der Sickingen-Plan der Oberau am Vauban´schen Wall/Wallstr.
Schnell über die Schwabentorbrücke

Vom Pulverturm zum Hexenwegle

 

Touristengruppen verirren sich wohl nur selten in die Oberau. Doch so wenig spektakulär das Stadtviertel für Außenstehende auf den ersten Blick erscheint, so spannend sind die Geschichten, die sich hinter vielen Winkeln verbergen. Dass die Oberau, einst Standort von Granatschleifen und Mühlen, eines der ersten Industriegebiete Freiburgs war, sieht man ihr heute kaum mehr an. Wer jedoch genauer hinsieht, kann immer noch Relikte entdecken, die den früheren Charakter des Viertels erahnen lassen.

 

Bei dem Begriff „Oberau“ ist zwischen dem aktuellen Stadtteil und der mittelalterlichen Bezeichnung zu unterscheiden. Während heute der Schwabentorring die westliche Grenze des Stadtteils bildet, reichte die historische Oberau bis unmittelbar an die Stadtmauer der Schneckenvorstadt, die ungefähr im Zuge des heutigen Greiffeneggrings verlief. Als die Vorstadt noch nicht existierte, trug das Gebiet zwischen Altstadt und Dreisam den schlichten Namen “die Au”. Während die unmittelbar südlich der Altstadt entstandene Bebauung bald eine eigene Stadtmauer erhielt und später “Schneckenvorstadt” genannt wurde, setzte sich für den östlich angrenzenden Geländestreifen die Bezeichnung “Obere Owe” durch. Zu den Gemeinsamkeiten beider Siedlungsbereiche gehörte die intensive Nutzung des Gewerbekanals. Auf dem spätmittelalterlichen “Sickingerplan” ist zu erkennen, dass der westliche Bereich der Oberau schon damals städtischen Charakter trug und von zahlreichen Gewerbebetrieben geprägt war. Nach Osten hin nimmt die Dichte der Bebauung rasch ab.

 

Die Belagerungen des 17. Jahrhunderts und der Bau der Vaubanschen Festung setzten den mittelalterlichen Strukturen der westlichen Oberau ein Ende. Über die städtebauliche Topografie während dieser ersten großen Umwälzung ist nur wenig bekannt. Aufgrund der überlieferten Pläne kann man jedoch davon ausgehen, das die Bebauung völlig niedergelegt wurde und entweder im Festungswall, in der Grabenanlage oder im freien Schussfeld, aufging. Nach Schleifung der Festungswerke herrschte dann ein gutes Jahrhundert lang städteplanerische “Anarchie”: Planlos wurden Trümmerhügel und Grabenbereich von den Eigentümern reprivatisierter Festungsflächen in Gärten oder Rebanlagen umgewandelt, und nur vereinzelt entstanden Häuser oder neue Gewerbebetriebe. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Überlegungen angestellt, die eine Urbanisierung des Gebietes und die Errichtung von Häuserblocks mit geschlossenen Baufluchten vorsahen. Ein erster Schritt hierzu war 1888 der Bau des Hotel Germania, welches später als „Gewerkschaftshaus“ bekannt wurde. Das Haus ist ebenso wie das gesamte Viertel vor dem Schwabentor ein schönes Beispiel dafür, wie man in Freiburg nach dem Zweiten Weltkrieg mit historischer Bausubstanz umsprang, die der Krieg verschont hatte: Ganze Häusergruppen wurden damals für den Bau der Ringstraßen um die Altstadt eingeebnet. Das Gewerkschaftshaus selbst stand zwar dem Straßenbau nicht im Weg, galt aber als „alter Kasten“ und wurde 1971 abgerissen.

 

Doch es gehört zu den Liebenswürdigkeiten der Geschichte, dass sie uns bei allen Umwälzungen gelegentlich Relikte übrig lässt, die nicht mehr so recht in die moderne Zeit passen wollen. Hierzu zählen etwa die Mauerreste des mittelalterlichen Pulverturms an der Ecke Wallstraße/Greiffeneggring. Der ehemalige Beobachtungs- und Verteidigungsturm auf der südöstlichen Ecke der Schneckenvorstadtmauer wurde ursprünglich „Wasserturm“ genannt, da er einen Schöpfbrunnen barg, der in Krisenzeiten bei einem Ausfall der Deichelleitungen trinkbares Grundwasser liefern konnte. Ein weiteres historisches Überbleibsel ist der alte Gewerbekanal, der noch heute den Stadtteil Oberau in seiner ganzen Länge durchfließt sowie wie die Genossenschaft, welche den Wasserlauf verwaltet. Der früher wie heute “Runz” genannte Kanal wurde im Mittelalter künstlich angelegt und bezieht sein Wasser aus der Dreisam. Der Ursprung des Kanalsystems ist in der künstlichen Wiesenwässerung zu suchen. Man wusste bereits im Mittelalter, dass Flächen mit regelmäßiger Überschwemmung höhere Erträge abwerfen als trockene Wiesen und suchte diesen Effekt durch planmäßige Bewässerung zu fördern. Für den Freiburger Raum ist diese “Innovation” erstmals durch ein Schriftstück aus dem Jahr 1220 nachzuweisen. Im Bereich des Stadtzentrums wurde die landwirtschaftliche Nutzung der Bäche bald von einer gewerblichen abgelöst: Für viele Handwerker war die Wasserkraft des Kanals die Existenzgrundlage ihres Betriebes. Über die Frage, wer die künstlichen Wasserläufe “erfunden” hat, herrscht bis heute Uneinigkeit. Waren es die Zisterzienser, die europaweit als Bewässerungsspezialisten galten und in der Freiburger Region mit zwei Klöstern und mehreren Höfen präsent waren? Oder doch eher Mühlenbesitzer und Bauern, die nach produktivitätssteigernden Maßnahmen sannen? Vieles spricht für letztere Erklärung. Es ist naheliegend, dass die jeweils von mehreren Parteien gleichzeitig genutzten Bäche wegen der unterschiedlichen Interessen bald zu Zankäpfeln wurden. So schlossen sich die Anrainer der Kanäle zu Interessenverbänden zusammen, die als “Runzgenossenschaften” Regelungen zur einvernehmlichen Nutzung festlegen, Streitereien schlichteten und Runzordnungen festlegten. Ein historisches Schmankerl ist die Tatsache, dass sich einige dieser Genossenschaften bis auf den heutigen Tag erhalten haben - samt einer Organisationsstruktur, die auf uralten Prinzipien beruht.

 

Auf den Kanal trifft man östlich des Schwabentorrings neben dem Gebäude der Bäckerei Lienhart. Dort beginnt auch der Augustinerweg, den manche Freiburger auch unter dem Namen „Hexenwegle“ kennen. Er führt unmittelbar am Fuße des Schlossberges entlang in Richtung Osten und damit in ein Gebiet, welches daran erinnert, dass die Oberau eine Karriere als Industriegebiet hinter sich hat. Der Weg wird bald zu einer schmalen Gasse, die von der Hangmauer und den Gebäuden einer Wohnanlage begrenzt wird. Anstelle der Häuser standen bis in die 1970er Jahre die Gebäude der Pappendeckelfabrik Strohm, in welcher unter anderem Fahrkarten aus Hartpappe gefertigt wurden. Mitten durch das Fabrikgelände strömte der Kanal und erzeugte elektrische Energie. Heute fließt er ungenutzt unter der Wohnanlage hindurch. Und doch hat er noch einen Bezug zu den Häusern: Auf dem Grundstück liegt ein altes Wasserrecht, so dass die Eigentümergemeinschaft als Runzgenossin noch heute jährliche Beiträge für ein Potenzial von 3 Rädern an die „Runz“ zu leisten hat. In einem der Innenhöfe steht ein riesiger gusseiserner Bottich mit zwei Mahlsteinen, der aus der Fabrik stammt und als technisches Denkmal erhalten wurde.

 

Östlich der Wohnanlage zweigt vom Hexenwegle rechts ein kleiner Pfad ab, der hinab zum Kanal und auf einen Kinderspielplatz führt. Unmittelbar neben der Kanalbrücke befindet sich einer der Zugänge zum Schlossbergbunker, der als Zivilschutzanlage 5000 Personen Platz bietet und noch heute funktionsbereit gehalten wird. Immer wieder bemüht sich die Stadt, dem Gerücht entgegenzuwirken, diese Plätze seien für Prominente reserviert. Der benachbarte, von Holzschuppen gesäumte und gepflasterte Hof der Kartäuserstraße Nr. 33 gehört zu den Winkeln, die noch etwas vom früheren Charakter des Gebietes erahnen lassen, und mit einer Prise Phantasie glaubt man hier das Schlagen eines Schmiedhammers oder Klappern eines Mühlrades zu vernehmen. Ganz reell ist dort seit einigen Jahren wieder das Laufgeräusch eines Wasserrades zu hören: Es treibt ein Kleinkraftwerk an, welches von einem privaten Investoren errichtet wurde und seit 2004 umweltfreundlichen Strom produziert. Bei einer Fallhöhe 2,40 m werden im Jahresschnitt etwa 17 kW erzeugt. Die den Hof flankierenden Gebäuden der früheren Tachometerfabrik Rheintacho dienen nach einem schlichten, aber raffinierten Umbau inzwischen als Jugendhotel.

 

Über die Treppe gelangt man wieder zurück zum Hexenwegle und etwas weiter östlich zu der Stelle, an der vom Gewerbekanal ein kleinerer Kanal abzweigt, welcher das Bächlesystem der Altstadt speist. Der Mini-Kanal verschindet nach wenigen Metern im Schlossberg und führt unterirdisch bis nach Oberlinden. Von der Stelle der Abzweigung bietet sich ein guter Blick über das ausgedehnte ehemalige Werksgelände der Seiden- und Baumwollspinnerei MEZ. Der Fabrikant Karl Mez zählte in mehrerlei Hinsicht zu den Pionieren der Industrialisierung in Freiburg und beschäftigte in seinem Betrieb schon in den 1870er Jahren mehr als 500 Personen. Mit dem Gewerbekanal verbindet ihn eine Vorreiterrolle bei der Einführung neuer Technologien: Mez nutzte als erster großer Betrieb den Kanal zur Gewinnung elektrischen Stroms und nahm bereits im Jahre 1884 ein eigenes Wasserkraftwerk in Betrieb – lange bevor das städtische E-Werk ans Netz ging. Auch in sozialen Fragen war Mez Außenseiter und Pionier, obschon viele seiner Ansichten heute etwas eigentümlich anmuten: So war er als Unternehmer von einem gewissen Sendungsbewusstsein beseelt (“werden ... Fabriken auch in sittlicher Beziehung gut geleitet, so sind sie die Quellen wahrer Wohltaten.”) und verstand den Betrieb als Stätte der Erziehung (“Fabriken sollen Ableiter sein für den Müßiggang”). In seiner Überzeugung ging er so weit, dass er zahlreiche der bei ihm beschäftigtem jungen Arbeiterinnen bei “unbescholtenen” Familien einquartierte und den Hausmüttern präzise Anweisungen für den Umgang mit ihren Mieterinnen gab. So forderte Mez die “genaue Überwachung in den Morgen‑ und Abendstunden, wo die Mädchen nicht an der Arbeit sind, damit sie nichts Schlimmes hören und sehen. Ganz zu vermeiden sind: Tänze, Theater, Wirtshaus, Wachtparade, Abendgänge”. Zur Rundumversorgung seiner Beschäftigten gehörten ferner eine werkseigene Badeanstalt, bezuschusstes Werksessen, die Einrichtung einer Betriebssparkasse, ein eigener Weinberg und sogar betriebseigene Milchkühe.

 

Nach dem Erlöschen der Firma Mez führte der Nachfolgebetrieb Coats einen Teil der Produktion auf dem alten Gelände weiter. Im Dezember 2005 wurde das Werk Freiburg endgültig aufgegeben. Die Gebäude des Restbetriebes sind inzwischen abgerissen. Andere Bauten der ehemals ausgedehnten Mezschen Fabrikanlage stehen noch heute: Eine der großen Werkshallen etwa wurde nach einem aufwändigen Umbau zum neuen Domizil des Südwestrundfunks; ein anderes Denkmal der Industriearchitektur beherbergt Büros und Kleinbetriebe. Wer sich beim Spaziergang durch das Gelände alter Abbildungen und Pläne bedient, kann das frühere Ausmaß der Fabrik noch gut nachvollziehen. Sogar ein landwirtschaftliches Relikt der Mezschen Unternehmensphilosophie hat sich bis heute gehalten: Immer noch wird der ehemals werkseigene Weinberg , eine schmale Steillage am Ostende des Firmengeländes, bewirtschaftet. Er bildet zusammen mit den Schloßbergreben der Adelhausenstiftung und dem „Sonnenberg“ in Herdern die letzten Rebflächen des Bereichs Breisgau auf Freiburger Gemarkung. Ebenfalls erhalten sind, wenn auch stark verwildert und überwuchert, Reste des Mezschen Gartens, der sich zwischen den beiden Schlossbergweinbergen befand. Man erreicht das Gelände über die Fortsetzung des Hexenwegles östlich der Abzweigung des Bächlekanals. Der Weg schlängelt sich in dem inzwischen zu Wald gewordenen Garten in flachen Serpentinen den Schlossberghang hinauf bis zum Burghaldering. Immer wieder trifft man auf Mauerreste und verfallene Terrassenanlagen, die durch ihre Bauart Rückschlüsse auf eine ehemals gestaltete Gartenanlage zulassen. Auch finden sich Buchshecken und einige seltene Gehölzarten, die im Zuge der Gartengestaltung gezielt angepflanzt worden waren.

 

In den vergangenen Jahren gab es von verschiedener Seite aus Vorschläge, die Reste des Mez´schen Gartens zu restaurieren und auch die Weinberge im Rahmen eines Gesamtkonzeptes für den Südhang des Schlossberges wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Oberau wäre damit um ein besonders attraktives und zudem geschichtsträchtiges Naherholungsziel reicher.

Joachim Scheck, VISTAtour





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